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Precht, Richard David - Wer bin ich und wenn ja, wie viele?

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"Wer bin ich und wenn ja, wie viele?" Eine philosophische Reise von Richard David Precht

Wer beim Begriff Philosophie unwillkürlich an ehrwürdige alte Männer mit weißen Bärten denkt, die sich in endlosen, kaum verständlichen Bandwurm-Sätzen in ihren Gedanken zu abstrakten Begriffen verlieren, der wird durch Richard David Precht´s Buch "Wer bin ich und wenn ja, wie viele?" eines besseren belehrt. Precht´s Anliegen nämlich ist es, philosophische mit neuesten psychologischen und neurobiologischen Erkenntnissen zu paaren. Er holt damit die Philosophie aus verstaubten Bibliotheksregalen in die Gegenwart und zeigt, dass sie angesichts der heutigen Möglichkeiten von Medizin, Hirnforschung und Gentechnik aktueller und notwendiger ist, denn je.

In der Gliederung seines Buches folgt Precht den vier von Kant formulierten großen Fragen der Menschheit
Was kann ich wissen?
Was soll ich tun?
Was darf ich hoffen?
wobei die letzte Frage -Was ist der Mensch?- unberücksichtigt bleibt, da sie durch die ersteren drei ganz gut erklärt zu sein scheint.

Freilich, etwas philosophische Basisarbeit muss sein. Die lässt uns Precht im ersten, dem was kann ich wissen -Abschnitt des Buches angedeihen. Ausgehend von Nietzsches Kritik am anthropozentrischen Weltbild seiner Zeit ("der Mensch ist ein kluges Tier, das sich doch zugleich völlig Überschätzt") nimmt uns der Autor mit nach Afrika zur Wiege der Menschheit, an die Fundstelle von Lucy, einem Australopithecus-Weibchen, das, so erfahren wir ganz nebenbei, seinen Namen einem John Lennon Song verdankt. Da es für die Wissenschaft bis heute ein Rätsel ist, warum sich bei einigen Primaten in vergleichsweise kurzer Zeit das Gehirnvolumen verdreifachte, kommt als nächstes die Hirnforschung zu Wort. Danach nähern wir uns dann Schritt für Schritt Themen wie "wer ist Ich und wo sitzt es?", "was sind Gefühle?" "was ist das Gedächtnis?", etc. und neben vielen anderen lernen wir Freud, Wittgenstein und Descartes kennen.

Ausgestattet mit dieser philosophischen Grundausrüstung wird der Leser im zweiten, dem was soll ich tun-Abschnitt erst einmal mit zwei zentralen Begriffen der Philosophie vertraut gemacht - Moral und Ethik. Wir begegnen Rousseau, Schopenhauer und Kant und werden gleichzeitig auf den neuesten Stand in den Disziplinen Psychologie, Hirnforschung und Transplantationsmedizin gebracht, bevor uns Precht mit Kernfragen unserer heutigen Gesellschaft konfrontiert und diese hinsichtlich Moral und Ethik auf den Prüfstand stellt: "Ist Abtreibung moralisch?", "soll man Sterbehilfe erlauben?", "Kinder von der Stange" (Reproduktionsmedizin) oder "darf man Menschen kopieren?" (reproduktives und therapeutisches Klonen), u. v. m.

Im dritten und letzten Abschnitt legt Precht die gesellschaftlichen Themen wieder beiseite und widmet sich mehr den Aspekten, die für den Einzelnen relevant sind, so z. B. "was ist Liebe?", "was ist Freiheit?", "was ist ein glückliches Leben?". Den Schluss des Buches bildet eine Abhandlung Über den Sinn des Lebens.

Die Kapitel sind lebendig und verständlich geschrieben und jedes einzelne für sich so spannend wie ein Abenteuerroman. Mit stilistischen Mitteln sorgt der der Autor dafür, dass zu keiner Phase des Buches Langeweile aufkommt.
So z. B. versetzt er Descartes aus einer Ulmer Bauernstube des frühen 17. Jahrhunderts ins heutige Boston und lässt ihn dort vor dem Hintergrund neuester wissenschaftlicher Erkenntnisse sein berühmtes "Cogito ergo sum" neu erarbeiten. Oder er lässt Schopenhauer mit einem berühmten Hirnforscher diskutieren, obwohl deren Geburtsstunden mehr als 130 Jahre auseinanderliegen. Was das Buch aber besonders sympathisch macht ist der Umstand, dass Precht auch bei emotionsgeladenen Themen niemals moralisierend oder mit erhobenem Zeigefinger daher kommt, sondern diese neutral aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchtet und dem Leser stets genügend Freiraum zur eigenen Meinungsbildung belässt.

Richard David Precht´s "Wer bin ich und wenn ja, wie viele?" erhält von mir das Prädikat "sehr empfehlenswert".

Vielen Dank für ihren Beitrag, mal auf einem anderen Gebiet. Eva Frank

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